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Position zur geplanten Missbrauchsstudie EKS

Missbrauchstudie EKS Position femmes protestantes

Hinsehen, Hinhören und Aufarbeiten ist zwingend. Aber auf welchem Weg?


Als Schweizer Dachverband für Geschlechtergerechtigkeit in allen Bereichen der Gesellschaft setzen wir uns dafür ein, dass das Thema Missbrauch in der Evangelischen Kirche systematisch aufgearbeitet wird. Es geht um Gerechtigkeit und mögliche Anerkennungen der Betroffenen sowie um eine Verbesserung der Prävention und Intervention im Sinne einer Vermeidung künftiger Übergriffe. Daher unterstützen wir es sehr, dass nun Bestrebungen unternommen werden, eine Missbrauchsstudie zu lancieren – bezweifeln aber, dass die genannten Ziele mit der der Synode vorgelegten Studie erreicht werden können.

Wir sind der Meinung, dass eine Missbrauchsstudie, wenn sie alleinig von der Evangelisch-Reformierten Kirche Schweiz finanziert und in Auftrag gegeben wird, sich insbesondere auf Betroffene im kirchlichen Umfeld fokussieren sollte. 20’000 Menschen (von zuvor 80’000 adressierten Menschen) aus einem Querschnitt der Gesellschaft zu ihren Missbrauchserfahrungen zu befragen, ohne dass andere Institutionen mit in der Trägerschaft der Studie sind und damit ein Interesse an der Aufarbeitung der in ihren Bereichen spezifischen Strukturen, die zu Missbrauch führen, haben, unterschätzt die Möglichkeit einer Retraumatisierung der Betroffenen. Wir sprechen uns daher dafür aus, dass – wenn die Kirche eine Studie in Auftrag gibt – sie sich ausschliesslich auf ihr Umfeld konzentriert, über das sie auch die Wirkungsmacht hat und damit die Verantwortung tragen kann.  

femmes protestantes sind dafür, den Erkenntnissen der EKD-Studie mehr Raum zu geben und den Betroffenen eine stärkere Gewichtung im Prozess der Aufarbeitung zu geben – hier verstehen wir Partizipation als Möglichkeit zum Mitentscheiden und -gestalten von Aufarbeitungsprozessen und damit einer Stärkung der Deutungsmacht von Überlebenden von Missbrauch.

Es braucht unseres Erachtens nun vor allem eine vertiefte Beschäftigung mit den kirchlich-reformierten Spezifika, von denen die Studie der Evangelischen Kirche Deutschland bereits etliche anspricht. Es geht für uns nicht darum, eine Forschungslücke aus Sicht der Forschenden zu schliessen, sondern Missbrauch in all seinen Formen in der Evangelisch-Reformierten Kirche aufzuarbeiten und damit einen Grundstein zur Verhinderung von eben diesem zu legen. Es sollten theologische und strukturelle Bedingungen untersucht werden, um neuen Boden für eine zukünftige Kirche zu erhalten. Die Kirche sollte auch klar die Verantwortung für das Leid, das in ihren Häusern, Kirchen und ihrem Umfeld geschehen ist, übernehmen.  

Daher können wir hinter einer Dunkelfeldstudie, die alle gesellschaftlichen Räume einbezieht, nicht stehen. Wir verstehen und unterstützen den Befund, dass Missbrauch ein gesamtgesellschaftliches Problem ist – und setzen uns auf politischer Ebene dafür ein, dass entschieden dagegen vorgegangen wird. Eine Studie aber, die einzig von der EKS getragen wird, sollte auf die Geschehnisse in der EKS fokussieren, um hierzu auskunftsfähig zu werden. Missbrauch in diesem Bereich unterscheidet sich in spezifischer Form von anderen Bereichen, so ist zum Beispiel der spirituelle Missbrauch eine explizit religiöse Form des Missbrauchs, nicht nur in der Anbahnung sexualisierten Missbrauchs, der im Design der nun vorgelegten Studie kaum Erwähnung findet.  

Ebenfalls sehen wir in der Breite der Forschungsanlage ein Problem in der Adressierung: Es gilt hier Sorge zu den Menschen zu tragen, die mit der Aufforderung angeschrieben werden, sich zu beteiligen. Wir wissen, wie schwierig es für Betroffene ist, wenn sie unerwartet mit ihren Missbrauchserlebnissen konfrontiert werden. Diese mögliche Retraumatisierung muss aufgefangen werden. Im Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen ist eine postalische Aufforderung dazu für uns nicht der richtige Weg. Insbesondere nicht im Setting einer Dunkelfeldausrichtung, die das kirchliche Umfeld bewusst verlässt, um auf ein gesamtgesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen.  Wir unterstützen, dass es parallel zu einer repräsentativen Studie die Möglichkeit geben soll, sich proaktiv zu melden und zu äussern.

Die Zahl von 80’000 Menschen, die angeschrieben werden sollen, erscheint uns zudem tief, wenn damit verschiedenste Vereine (Sport, Handarbeit, Musik, ..), Schulen, Kulturinstitutionen und Kirchen und andere religiöse Akteur:innen erfasst werden sollen. Welche tatsächliche Schnittmenge mit der evangelisch-reformierten Kirche bleibt am Ende?  

Wir begrüssen sehr, dass der Synode Mitte Juni verschiedene Anträge zum Thema Missbrauch vorgelegt werden. Das Thema muss offen besprochen und so eine Kultur des Hinschauens, Austauschens und Diskutierens eingeübt und etabliert werden. Dies ist mit die wirkungsvollste Form der Prävention.

So unterstützen wir auch, dass die EKS-internen Bestimmungen und Dokumente überarbeitet werden. Wir unterstützen, dass die Arbeitsgruppe “Schutz der persönlichen Integrität” ihre Arbeit kontinuierlich weiterführt. Ebenfalls begrüssen wir eine nationale Meldestelle und unterstützen Bemühungen, den hohen qualitativen Anforderungen an eine solche gerecht zu werden. 

Aufgrund unserer Kritikpunkte regen wir aber an, dass das vorgeschlagene Studienprojekt, unter Einbezug eines Beteiligtenbeirats, welcher strukturell in den Prozess einbezogen werden muss, überarbeitet wird. Wir begrüssen die Einrichtung eines Beteiligtenrats sehr, seine Erstellung ist unumgänglich. Allerdings muss er zwingend breiter aufgestellt sein. Bisher fehlen externe Expert:innen aus Sozialforschung, Opferhilfe, Polizei, Trauma-Begleitung und es scheint noch vage, welche Kompetenzen und Rollen dieser Beteiligtenrat in Bezug auf die Studie überhaupt hat.  

Wir regen eine Studie an, die Fragen beantwortet, die für die EKS und ihre Mitgliedskirchen jetzt dringlich sind. Wir wünschen uns ein Studiendesign, das die Grundlagen für eine Verbesserung der Prävention und Intervention schafft und den Betroffenen von Missbrauch in der evangelisch-reformierten Kirche mehr als nur Gehör verschafft: Partizipationsmöglichkeit und Anerkennung.