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BVG-Reförmchen: Wir sagen «Nein».

Wir stehen Seite an Seite mit Frauen des Prekariats.


Es sind viele Feuerstellen zu löschen, die bei der Altersvorsorge brennen. Am 22. September dem aktuellen Vorschlag zuzustimmen, ist ein Löschversuch vieler Brandherde mit einer ganz kleinen Decke – der BVG-Reform. Wir sagen am 22. September deshalb klar «Nein».

Wenn es um das «Ja» zur BVG-Reform geht, wird gerne mit Zahlen argumentiert. Da sind die 15%, die es überhaupt betrifft*. 77% davon sind Frauen. Die Eintrittsschwelle wird auf CHF 19’845 gesenkt, etc. Worüber nicht gesprochen wird, sind diejenigen, die auch nach der Reform unterhalb der Eintrittsschwelle arbeiten. Auch das sind mehrheitlich Frauen, 227’000 an der Zahl. Weil es weiterhin sie sind, die mehrheitlich die Fürsorge-Arbeit leisten und nebenher in den schlecht bezahlten Jobs eine miserable Absicherung erhalten. Wir solidarisieren uns mit ihnen. Mit ihnen, denen weiterhin signalisiert wird: Deine Arbeit ist im Alter nichts wert.


15%, die betroffen sind von der Reform. 527’000 Personen sind das. Laut Hochrechnungen geht es denen dann besser. Aber auch nur in der Hochrechnung. Tatsächlich würden 340’000 Frauen sowie ihre Arbeitgeber:innen mehr in die zweite Säule einbezahlen als heute, um den Sparprozess zu stärken, dies ist nötig, weil durch die Senkung des Umwandlungssatzes im Pensionsalter weniger ausbezahlt werden kann. Geld, was insbesondere Menschen mit niedrigem Einkommen eher im Hier und Jetzt brauchen – z.B. für Zahnerhaltungskosten oder für die Teuerung, die die sehr gut gestellten Pensionskassen übrigens noch nicht ausgeglichen haben.

Es ist uns ein grosses Anliegen, dass das Vorsorgesystem besser verstanden wird. Dass Frauen sich aktiv um ihre Altersvorsorge kümmern und Bescheid wissen, wie sie allenfalls Verbesserungen erzielen können. Dafür bräuchte es als Erstes ein System, das den Niedriglohnsektor vollwertig berücksichtigt. Eines, das nicht mit hypothetischen Vorteilen der Zukunft argumentiert, für die es in der Gegenwart mehr oder auch weniger zu bezahlen gibt – das ist nämlich im Einzelfall von der jeweiligen Pensionskasse abhängig. So ein System fällt bei uns durch. Mit der Reform werden viele Frauen nicht besser dastehen. Hypothetisch werden junge Frauen höhere Renten haben – aber auch sie würden bei einem «Ja» erstmal jahrzehntelang mehr einzahlen, bei einer gleichzeitig ungewissen Entwicklung der späteren Auszahlung. Die Reform packt die grundlegenden Probleme nicht an: unbezahlte Fürsorge-Arbeit, tiefe Löhne von Frauen in der gesamten Erwerbsarbeitszeit, die ungeregelte Versicherung von Mehrfachbeschäftigung. All das sind Ungerechtigkeiten im System, die zu weiblicher Altersarmut führen.

Aber: 77% der Frauen profitieren doch. Dann sagen wir: «Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach»? Nein. Denn die Ungewissheit bleibt: Lohnt es sich, jetzt weniger Geld zur Verfügung zu haben? Kommt das im Alter tatsächlich wieder rein?


Wir fordern eine Reform, die weniger auf Hypothesen beruht, sondern im jetzigen Arbeitsleben von Frauen Tatsachen schafft. Wir fordern eine Altersvorsorge, die den genannten Bedingungen Rechnung trägt und Lösungen darauf abstützt. Die Probleme der lebenslang tiefen Löhne in den «Frauenberufen», die grössere Anzahl weiblicher Teilzeitbeschäftigten sowie die Lücken in den Erwerbsbiografien müssen ernst genommen werden. Wir fordern, dass um eine Lösung gerungen wird, die Fürsorge-Arbeit auch in der zweiten Säule versichert, wie das in der ersten bereits der Fall ist. Fürsorgearbeit ist Grundvoraussetzung aller wirtschaftlichen Leistungen und muss neu gedacht und anerkannt werden. Paritätisch verteilt auf die Geschlechter, u.a. mit einer Elternzeit, die den Namen verdient.

Wir möchten nicht nur ein kleines Schrittchen in eine ungewisse Richtung, sondern einen grossen Schritt, bei dem klar und eindeutig ist, dass ein würdiges Leben für alle Frauen ein Stück mehr Realität wird.  Denn weibliche Armut im Alter ist keine selbstgewählte, selbstverschuldete Lebenslage.  

femmes protestantes (damals Evangelische Frauen Schweiz) haben 2022 Stimmfreigabe zur Erhöhung des Rentenalters für Frauen im Rahmen der AHV21 beschlossen. Wir sahen neben den negativen positive Elemente, wie die Flexibilisierung des Renteneintritts und vertrauten darauf, dass mit der Reform des BVG weitere Schritte unternommen würden, um gegen die weibliche Altersarmut anzugehen. Die vorliegende Reform löscht keinen der bestehenden Brandherde mit Sicherheit. Dafür ist die Decke zu klein und zu löchrig. Wir empfehlen daher heute ein klares «Nein» zur BVG-Reform und damit ein deutliches «Ja» für eine feministische Sozial- und Wirtschaftspolitik!