Evangelische Frauen Schweiz (EFS)

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Interview mit Gastreferentin Ina Pratorius

Frage
Es gibt einen breiten Konsens, dass die Familie das Fundament unserer Gesellschaft ist. Aber von welcher Familie reden wir? Jeder bastelt sich das Modell, das ihm entspricht: Frau, Mann und Kind, Mann, Mann und Kind, Frau, Frau und Kind und selbstverständlich bezeichnen wir auch Frau und Kind bzw. Mann und Kind als eine Familie. Kann das gut gehen?

Antwort
Ich frage mich, ob es nicht an der Zeit wäre, diesen „breiten Konsens“ in Frage zu stellen. Statt ständig die „Familie“ zu beschwören, könnten wir nämlich auch direkt sagen, was wir uns für menschliche Neulinge, für uns selber und für alle wünschen. In unserem kleinen Buch „ABC des guten Lebens“ (Rüsselsheim 2012) kommen wir Autorinnen zum Beispiel fast ganz ohne den Begriff „Familie“ aus. Stattdessen schreiben wir darüber, was alle Menschen verbindet und was sie brauchen, egal, mit wem sie zusammen leben: wir schreiben über Autorität, Bedürftigkeit, Differenz, Durch/einander, Freiheit, Genuss, Ja sagen, Liebe, Zugehörigkeit und so weiter. -  Das Wort „Familie“ leitet sich ja vom „famulus“ ab, also vom „Haussklaven“. Es bedeutet ursprünglich keineswegs diese harmonische Einheit, die man heute darunter zu verstehen vorgibt, sondern den beweglichen Besitz des Vaters: Ehefrau, Kinder, Sklavinnen, Sklaven, Haustiere. Wollen wir wirklich alle unsere Wünsche auf einen Begriff konzentrieren, der aus einer Sklavenhaltergesellschaft stammt?

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Frage
Ich stelle mir und Ihnen die Frage, ob die traditionelle bürgerliche Familie für die Ideale der Kindererziehung und der Generationensorge nicht doch besser gerüstet war: Die Mutter als verlässliche Ansprechperson, drei Generationen unter einem Dach und einen gemeinsamen Familiennamen, der für die „Sippe“ nach aussen Identität markiert?

Antwort
Diese traditionelle bürgerliche Familie existiert vor allem in Form von Maggi- und Persil-Reklame. Möglicherweise gab es in den fünfziger und frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein paar Ehepaare, denen es gelungen ist, das Ideal einigermassen authentisch nachzustellen. Aber die Frauenbewegung hat nicht umsonst erfolgreich dagegen revoltiert, dass Frauen auf Muttis reduziert wurden, die zusammen mit ihrem Namen auch den Anspruch auf ökonomische Unabhängigkeit und öffentliches Wirken an der Haustür abgaben. – Das bedeutet nun allerdings nicht, dass Mütter und Väter sich heute dem neoliberalen Gegenmodell der Vollzeiterwerbstätigkeit aller Eltern unterwerfen müssten. Denn dieses Modell reduziert Kinder auf eine Nebensache, die man morgens in der Krippe abgibt und abends wieder abholt. Wer hat eigentlich dieses Ideal der 40-Stunden-Normerwerbszeit erfunden? Müssen wir es akzeptieren, wenn wir die patriarchale Kleinfamilie nicht mehr leben wollen? Wo ist die Forderung nach Erwerbsarbeitszeitverkürzung für alle geblieben?

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Frage
Trauen Sie der Kirche zu, dass sie in diesem Mainstream auch steuern und durch Untiefen lotsen, und nicht nur mitrudern kann? Was müsste die Kirche tun, um die Familien und vor allem die Jugend ins Boot zu holen?

Antwort
Wer ist denn „die Kirche“? Ich selber erwarte nicht von irgendwelchen kirchlichen Gremien oder Autoritäten, dass sie mir sagen, wo’s lang gehen soll, sondern nehme mein Recht als mündige Christin in Anspruch, selber die Bibel zu lesen und mir meine Tradition verständlich zu machen. Zum Beispiel kann man bei „bibelserver.com“ nachschlagen, wie oft das Wort „Familie“ in der Bibel vorkommt. Das Ergebnis ist interessant: In der Lutherbibel kommt es viermal vor, in der „Hoffnung für alle“ 305 Mal. Meine Konkordanz der „Zürcher Bibel“ (1969) weist das Wort 92 Mal aus. Was schliesse ich daraus? Je moderner eine Bibelübersetzung ist, desto öfter spricht sie von „Familie“. Bei Luther heisst es an den entsprechenden Stellen zum Beispiel „Haus“ oder „Geschlecht“ oder „Same“ oder „Nachkommen“. Statt uns nun darüber zu streiten, ob auch so genannte „Alleinerziehende“ oder „Homosexuelle“ sich „Familie“ nennen dürfen, könnten wir darüber reden, was es bedeutet, mit anderen zusammen ein „Haus“ zu bewohnen. Vermutlich kämen wir dann schnell darauf, worum es eigentlich geht: darum, dass alle Menschen einen Ort brauchen, an dem sie sicher, aufgehoben, gut versorgt und  als unverwechselbare Würdeträger/innen geliebt sind.

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Frage
Kirche sind wir alle. Und wenn wir über sie klagen, dann klagen wir über uns. Deshalb zum Schluss die Frage: Was können wir als EFS dafür tun, dass unsere Kirche glaubwürdig und lebendig bleibt und auch in Zukunft unsere Familien erreicht?

Antwort
Gemeinsam die Bibel lesen! Aber genau, und in verschiedenen Übersetzungen, und ohne Angst davor, dass sie unsere Wünsche nach Ordnung und Harmonie nicht bestätigt, sondern durcheinander bringt! Die „Bibel in gerechter Sprache“ einbeziehen! Und selber denken!...

Wattwil, 2014-02-24